Drucken

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser, 

nun sind der 34. Internationale Veterinärkongress und das Anschlussseminar in Bad Staffelstein schon Geschichte. In der Rückschau bestätigte die durchweg positive Resonanz die Aktualität der Vortragsinhalte. 

Aber nach dem Kongress ist vor dem Kongress. Die Vorbereitung und Themenauswahl für 2016 sind bereits angelaufen. Gern greifen wir Anregungen und Vorschläge aus der Kollegenschaft auf, um weiterhin ein interessantes Programm anbieten zu können. 

Die Forderung des BbT nach einer breiten gesellschaftlichen Debatte zur Nutztierhaltung soll die Amtstierärztinnen und Amtstierärzte aus dem Fokus der NGO ́s und Medien als Verantwortliche für zweifellos notwendige Verbesserungen der Haltungsbedingungen nehmen. Der Verband kann sich, anders als der in verwaltungsrechtskonformer Verantwortung stehende Amtstierarzt, aktiv in die aktuell geführte Debatte einbringen. 

Die Effizienzhörigkeit, die ökonomischen Zwänge, die Lethargie des Systems des „Wachsen oder Weichens“ müssen die artgerechte Tierhaltung nicht weiter einschränken. Dabei geht es nicht um die Konfrontation mit den Tierhaltern, sondern um die Änderung wissenschaftlich belegter Haltungsdefizite. Es geht um die gesellschaftliche Akzeptanz, dass ein „Mehr“ an Tierwohl einen moralischen Mehrwert besitzt, aber auch mehr Geld kostet. 

Derzeit sind die Tierschutzrechtsnormen der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Erzeugung, Produktion, Distribution und Konsumtion. 

Das gesellschaftliche Umdenken wird in der Tierwohlinitiative des BMEL und deren Unterstützung durch die Wirtschaft wiedergespiegelt, Tierschutzinnovationspreise werden ausgelobt, um tierethische Definitionen wird gerungen. Damit dies nicht lediglich marketingwirksame Bekenntnisse bleiben, bedarf es der vom BbT geforderten Tiergesundheitsdatenbank zur Verifizierung und Quantifizierung tierschutzrelevanter Parameter und Daten in belastbarer Form. 

Neben dem sogenannten „Tierschutz mit dem Zollstock“ bei der baulichen Beurteilung von Anlagen gehören fundiert erhobene Verhaltensparameter zur Erkennung von Leiden und pathologisch-anatomische Befunderhebung zur Erkennung von Schäden zum Aufgabengebiet der Amtstierärzte, das intensiviert werden muss. 

Automatisierbare Befunderhebungen zu Tierverlusten, Mortalitäten, tierärztlichen Diagnosen und Arzneimittelanwendungen müssen auswertbar Eingang sowohl in die Lebensmittelketteninformation als auch in die Risikoauswahl für Vor-Ort-Kontrollen der Veterinärämter finden. 

Die bisher als „Berufskrankheiten“ von Tieren verschiedener Nutzungsrichtungen angesehenen Lungenerkrankungen, Bursitiden und Arthritiden von Läufern, Mastschweinen und Jungund Mastrindern, die Klauengesundheit von Kühen und Sauen sowie die Ballengesundheit von Masthühnern und Mastputen bedürfen einer verstärkten tierärztlichen Befundung mit dem Ziel der nachhaltigen Verbesserung der Haltungssituation. 

Ist der vernünftige Grund zum Töten einer geburtshilfebedürftigen Sau gegeben ? Wie sind Schäden durch Laientherapie bei Geburtshilfen oder durch fehlende Geburtenkontrolle zu erfassen und zu bewerten ? 

Diese und weitere Fragen bedürfen dringend einer Diskussion. 

Herzlichst Ihr
Dr. Holger Vogel 
Präsident Bundesverband der beamteten Tierärzte e.V.
Vereinigung der Tierärztinnen und Tierärzte im öffentlichen Dienst