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Editorial

Liebe Leserinnen und Leser, 

die gesellschaftliche Debatte zur Tierhaltung bahnt sich ihren Weg. Dies kann der Bundesverband der beamteten Tierärzte nur begrüßen. Tierhaltung und Tiergesundheit sind längst nicht mehr allein die Sorge und Betätigungsfeld der Oppositionsparteien und der NGO‘s. 

Die Tierwohlinitiative des BMEL und das Fachgespräch der CDU/ CSU-Bundestagsfraktion zum Thema „Antibiotika – Eine Gesundheit für Mensch und Tier“, das in Berlin am 1.7.2015 stattfand, belegen dies. Bei letzterem fand ein fachbezogener Austausch zwischen führenden politischen Vertretern, wie den Bundesministern Hermann Gröhe (Gesundheit) und Christian Schmidt (Landwirtschaft), den Präsidenten der Bundestierärztekammer, der Bundesärztekammer, des RKI, des BfR, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Bundesverbandes der forschenden Pharmaunternehmen u.a. statt. Man hatte das Gefühl, dass endlich die Richtigen zu Wort kommen. 

Auch die in Regierungsverantwortung stehende SPD hat ein Positionspaper zum Thema „Antibiotika-Reduktionsstrategie“ auf den Weg gebracht. 

Tierärztliche, auch antibiotische, Verordnungen sind ja bekanntermaßen mit Tierhaltungsformen und Tierwohl eng verwoben. 

Allerdings sind nicht alle im Brainstorming hingeschriebenen Gedanken und Ansätze schon anwendbare Lösungen für vielschichtige gesellschaftliche Fragestellungen. 

Dazu bedarf es noch weitgehender Diskussionen. Angesichts der gestiegenen psychischen Belastung der Amtstierärztinnen und Amtstierärzte durch Konfl ikte mit finanziell an der Wand stehenden Tierhaltern, Tiersammlern und -helfern ohne Sachverstand sowie durch die moralisch letztinstanzlich auftretenden NGO‘s ist es sicher nicht zielführend, Vollzugsdefizite verstärkt mit disziplinarrechtlichen Konsequenzen und Maßnahmen lösen zu wollen, wie im SPD-Positionspapier angedacht. Hilfreicher und ehrlicher wären hier die Schaffung einer auskömmlichen Personalausstattung und einer fundierten Fachaufsicht statt dem auswegsuchenden Ruf aus der in Verantwortung stehenden Politik nach Spezialeinheiten und Task Forces. Auch eine konsequente Verbeamtung von Amtstierärztinnen und Amtstierärzten würde der Durchsetzung von hoheitlichen Aufgaben dienen. 

Eine bundeseinheitliche Ressortierung der Aufgabengebiete der Veterinärund Lebensmittelüberwachung in einem Ministerium der Landesregierungen – und dies länger als nur für eine Legislatur – wäre sinnvoll, um arbeitsfähige Strukturen dauerhaft zu stärken. Zusätzlich könnten für das Veterinärund Lebensmittelrecht gebildete Fachstaatsanwaltschaften die Rechtsmaterie besser kennen und zügiger bearbeiten. 

Denn an beruflicher Motivation mangelt es in der Amtstierärzteschaft sicher nicht, auch wenn aus den Reihen der PETA behauptet wird, dass von 430 Veterinärbehörden nur 30 rechtskonform arbeiten würden, oder der Verein Animals‘ Angels in Hochglanzbroschüren, seiner Meinung nach, für die Anbindehaltung von Rindern mitverantwortliche Veterinäramtsleiter namentlich anprangert. 

Dies sportlich oder mit Humor zu nehmen ist sicher schwer – aber eine gangbare Möglichkeit, mit der scheinbar erfolgreichen, marketingorientierten Darstellung der eigenen Wichtigkeit der NGO‘s umzugehen. Angesichts der gegenwärtigen menschlichen Tragödien, des Verlustes an Existenz und Heimat für Vieltausende, verbunden mit Leid, Elend, Hunger und Tod relativiert sich die vielfach geführte wohlstandsinduzierte Debatte um Kennzeichnung, Labels, Systemaudits, Indikatoren ... 

Herzlichst Ihr Dr. Holger Vogel 
Präsident 
Bundesverband der beamteten Tierärzte e.V.
Vereinigung der Tierärztinnen und Tierärzte im öffentlichen Dienst