Liebe Leserinnen und Leser,

„Mit vollen Händen und leeren Herzen – es ist eine sich selbst zerstörende Welt geworden.“

So skizziert Juli Zeh in ihrem viel beachteten Roman „Leere Herzen“ (2019) eine postdemokratische Gesellschaft.

Heute wird immer von guten gesellschaftlichen Bedingungen gesprochen: reiches Land, Wohlstand, Frieden, work life balance. Das ist alles richtig. Aber warum wird es nicht so empfunden ? Brennt das Feuer für die Demokratie durch Selbstverständlichkeit bzw. Gleichgültigkeit in einer seichten Wohlfühlatmosphäre nieder?

Woher kommt die Endzeitstimmung in weiten Teilen der Gesellschaft; ist es die Deklassierung der Mittelschicht, und damit auch der Akademiker und Handwerksmeister ? Bestimmen Ängste um Statusverlust das Wahlverhalten – wie es Adorno beschrieb?

Die fortschreitende Urbanisierung verändert das bisherige Gleichgewicht zwischen Landund Stadtbevölkerung zu Gunsten der Städter. Verständnis für Erzeugung von Lebensmitteln geht verloren. Erfahrungswissen um Früchte, Fruchtfolgen, Tierrassen, Geburten, Schlachtung, Verarbeitung und Konservierung verlieren ihre Notwendigkeit und verschwinden langsam aus dem Gedächtnis. Leider auch die Achtung vor den Erzeugnissen und Erzeugern. Verklärte Vorstellungen und Preisdruck bestimmen das Verhalten.

Alles wird begleitet durch eine Verrechtlichung, die sich selbst unterhält und weitertreibt. Die Legislative arbeitet unermüdlich an der Gesetzgebung, die zur Lähmung durch fehlende Umsetzbarkeit führt (vgl. Leserbrief). Parlamentarier sind oft erstaunt über die Auswirkungen der Rechtsetzung in der Lebenswirklichkeit.

Maß und Mitte sind nicht mehr das Ziel. Augenmaß und Handschlag sind ade. Egoismus, Narzissmus, frustrierter Zynismus breiten sich wie Metallspäne im Getriebe in der demokratischen Gesellschaft aus ! Das eigene Recht durchsetzen – egal was es andere kostet – wird für viele zur sportlichen Lebenseinstellung.

Leider finden sich zu wenige, die oben aufgeführten Entwicklungen entgegensteuern.

Vor dem Hintergrund dieser, natürlich nur erdachter Szenarien, sollte in diesem Heft der Aufsatz Herausforderung „Amtstierarzt 2030“ gelesen werden.

Der Amtstierarzt wird sich immer mehr mit Google und Medieninformierten (incl. social media) auseinandersetzen müssen. Bei immer weniger Gesprächspartnern werden die Informationen auf eine einschlägige Bildung in puncto Tierhaltung und Lebensmittel und damit verbundenen tatsächlichen Gefährdungen treffen. In urbanisierten Bereichen wird er bei Kontrollen mehr und mehr auf rechtsfreie Räume treffen, gleiches gilt für abgehängte ländliche Gegenden, wie in „Unterleuten“.

Die Exekutive verliert an Durchsetzungsvermögen durch den Mangel am Gewaltmonopol des Staates und konzentriert sich auf die weniger Wehrhaften... Es werden Behörden umstrukturiert, auch zum Preis der Bodenhaftung und der Bürgernähe. Damit geht vielfach die Akzeptanz, die Authentizität und die Vertrautheit mit Ordnungs- und Sicherheitsstrukturen verloren.

Duldungsund Mitwirkungspflichten sind zwar gesetzlich verankert – sie nützen aber nichts in der Überwachung der Vorschriften, wenn sie durch die Vielzahl der Fälle von Gegenwehr nicht mehr greifen können. Die Judikative erlahmt durch Überlastung.

Zukunftsorientierte Technologien der Kommunikation, der Verwaltung, der Vernetzung haben Lücken.

Was aber am meisten benötigt wird ist die Aufrechterhaltung der Werte, die Toleranz im menschlichen Zusammenleben und gemeinsame Ziele. Nach wie vor finden wir Amtstierärzte unsere Aufgabe in der Gesunderhaltung von Menschen und Tieren. Eine notwendige und ehrenwerte Aufgabe, welcher wir nicht als zwar mit Leistungsbereitschaft ausgestattete, aber mit Empathielosigkeit gepanzerte Arbeitszombies begegnen sollten (Juli Zeh „Unterleuten“, 2016).

Herzlichst
Dr. Holger Vogel
Präsident Bundesverband der beamteten Tierärzte e.V.
Vereinigung der Tierärztinnen und Tierärzte im öffentlichen Dienst

Amtstierärztlicher Dienst und Lebensmittelkontrolle 26. Jahrgang – 3 / 2019

 

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