Liebe Leserinnen und Leser,

„Die verborgene Quelle des Humors ist nicht die Freude, sondern der Kummer“,

sagte einst Mark Twain (1835-1910).

Wie sonst - als mit Humor - sollte man den täglichen Herausforderungen begegnen? Humor, der uns hilft, mit dem problembeladenen Tagesgeschäft und den oft unauflösbaren Widersprüchen der gesellschaftlichen Forderungen umzugehen.

Diese Widersprüche sind wie die sinnbildlichen Mühlsteine, zwischen die man gerät, oder die Stühle, zwischen denen man sitzt. Leider wird oft die vermeintliche Unauflösbarkeit von Konflikten der Gesellschaft an den Unzulänglichkeiten der Frontsoldaten, der Polizei und auch an der Amtstierärzteschaft festgemacht.
Die Konfliktparteien können quasi gemeinsam Verantwortliche präsentieren. Diese Verantwortlichen werden als zum Schweigen verpflichtete Grundmatrix gesehen. Die nichts zu sagen hat, aber verantwortlich gemacht wird. Das Sagen beanspruchen NGO´s und die Wirtschaft. Die Politik agiert irgendwo dazwischen und lässt die Exekutive im Regen der Aggressionen stehen. Und die Mehrheit der Konsumenten schweigt oder ist empört, je nach Gefühlslage.

Dies ist aber zu einfach gedacht, die Widersprüche sind globaler und komplexer!

Das Problemfeld der Tiertransporte wird derzeit an der Attestierung des Amtstierarztes festgemacht. Schließlich hat derzeit die/der einzelne Amtstierärztin/Amtstierarzt mit ihrer/seiner Unterschrift über pro und contra zu entscheiden. Ein inzwischen uferloses und widersprüchliches Regelgeflecht von Bedingungen, ein schwieriges Transportdaten-Verarbeitungssystem und die bekannt gewordenen Bilder über den Umgang mit Nutztieren auf Transporten und Schlachthöfen in Drittländern sind zu einer unüberwindbaren Hürde auf dem Weg zu einer gesellschaftlich akzeptablen Entscheidung geworden.

Das Exportieren von Nutztieren, egal wohin und auf welchen Routen, ist nicht nur eine Frage von Recht und Rechtsauslegung, sondern auch eine Frage der Moral des Züchters, des Händlers und des Transporteurs.

Tiertransporte müssten aus fachlicher Sicht grundsätzlich eingeschränkt werden! Dies steht aber dem Mantra des Wirtschaftswachstums und der Marktanteile entgegen.

Das Grundproblem einer wirtschaftlich auskömmlichen Tierhaltung ist sich selbst bzw. mehr oder weniger dem Markt überlassen. Bäuerliche Strukturen werden alsbald nur noch in Geschichtsdokus und -lehrbüchern zu finden sein. „Alle“ bedauern dies, kaufen aber mehrheitlich nur nach Preis und Masse.

Auch das derzeitig gesetzlich zu verankernde staatliche Tierwohllabel, welches mit viel Ringen um Konsens auf den Weg gebracht ist, wird leider nicht sicher das Ziel erreichen.
Der Zielkonflikt zwischen „billig“ und „tiergerecht“ führt in der Gesellschaft noch nicht zu einem Umdenken. Die einen beklagen dies, den anderen ist es egal. Politisch gesehen besteht die Sorge, dass „ein hungriger Bauch keine Ruhe findet“. Auch deshalb soll Fleisch billig sein.

Der eine oder andere aus der Tierärzteschaft kennt die Videos von Tötungen von Schweinen im ASP-Seuchenfall in Fernost. Wer diese Bilder gesehen hat, muss zu dem Schluss kommen, dass Tierseuchenbekämpfung nur unter tierschutzgerechten Bedingungen zu akzeptieren ist!
Auch muss der wirtschaftlichen Nutzung von empfänglichen Tieren durch Verarbeitung wieder größere Beachtung geschenkt werden. Auch dies ist eine ethische Frage.

Trotz der Verteilung der gelben Westen im letzten Jahr in Bad Staffelstein sehe ich uns als Amtstierärzteschaft nicht an der Seite von Extremisten. Obwohl eine deutliche und nachhaltige Positionierung zu Tiertransporten, dem Tierwohllabel und einer zeitgemäßen Tierseuchenbekämpfung dringend nötig ist.

Denn wer wollte schon wie Mark Twain am Ende des Lebens sagen: „Damals hatte ich Ideale. Ich habe sie überlebt“.

Herzlichst Ihr
Dr. Holger Vogel
Präsident Bundesverband der beamteten Tierärzte e. V.
Vereinigung der Tierärztinnen und Tierärzte im öffentlichen Diens

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