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EDITORIAL

Liebe Leserinnen und Leser, 

„Indessen der Supplikant hat seine Verdienste und so soll Er künftig den Titel Viehrath führen.“ So verfügte es Friedrich der Große von Preußen um 1770 auf das Gesuch eines kurmärkischen Tierarztes um den Titel eines Hofrates. 

Der Viehrath von damals könnte der Veterinärrat von heute sein. Wo aber bleibt im Gegensatz zu damals die Anerkennung unserer Verdienste heute? Anlässlich von Veranstaltungen und gesellschaftlichen Höhepunkten werden wir Amtstierärzte gerne als Dekoration eingeladen und schon mal hofiert. 

Die vom tierärztlichen Berufsstand miterrungene Lebensmittelsicherheit auf einem einmalig hohen Niveau, das mitgestaltete und dadurch überschaubar gewordene Tierseuchenund Zoonoserisiko als Bestandteil der veterinary public health und die dauerhaft zu meisternde ethisch schwierige Situation im Tierschutz im Wettstreit mit auseinander driftenden gesellschaftlichen Ansprüchen werden kaum als Verdienst honoriert. 

Zu oft bleiben das Gefühl und die ohnmächtige Gewissheit, den rechtlichen, ethischen und gesellschaftlichen Anforderungen nicht konform gerecht werden zu können. Dabei hilft es wenig, dass kein anderer greifbar scheint, der diese Aufgabenvielfalt besser bewerkstelligen könnte. Unser Engagement ermüdet oftmals angesichts schwammiger, schlecht lesbarer und auslegungsbedürftiger, stark aufgefächerter Rechtsgrundlagen bei gleichzeitig gefühlter und tatsächlicher Personalnot auf allen Ebenen der Veterinärverwaltung und der Judikative. 

Die Umsetzung wird häufig (auf Gewissensebene) durch die Diskrepanz zwischen rechtlichen Vorgaben und fachlicher Sinnhaftigkeit erschwert. Man denke an die rechtskonforme Kennzeichnung einer Marmelade – oder doch besser eines Fruchtaufstriches? 

Wem nützen diese Regelungsvorgaben? Der Lebensmittelsicherheit? Wohl kaum. Zerstören sie regionale Möglichkeiten und Strukturen? Schauen wir dabei zu? Befördern wir oftmals den Strukturwandel hin zur massenhaften Herstellung von anonymen, beliebigen, aber HACCP-konformen Produkten? Will dies die Gesellschaft wirklich? Das gleiche gilt natürlich auch für die Urproduktion von lebensmittelliefernden Tieren. 

Für Kontrollen an neuralgischen Punkten wie bei Tiertransporten, an Schlachthöfen, in großen Tierhaltungsanlagen oder von im Fokus der Öffentlichkeit stehenden Veranstaltungen mit Tieren (Börsen, Ausstellungen, Pferdesport, Zirkusse) können wir oft nur auf bescheidene Ressourcen an Material und Kräften zurückgreifen. Zugleich erfolgt die Kritik durch NGOs und Oppositionsparteien an unserem vermeintlich mangelnden Engagement. Manche amtstierärztlichen Arbeitsplätze sind physisch und psychisch nur zeitlich begrenzt ausfüllbar. Entsatz (gleichwertige Ablösung) im militärischen Sinne wäre erforderlich. Mit den seelischen Belastungen (durch erlebtes Tier-Leid im Berufsalltag und Versagensvorwürfe von am Frühstückstisch sitzenden Butterbrötchenverzehrern) bleibt man ohnehin zumeist allein. 

Aus dem Tierschutzgesetz könnte man zitieren: „Es ist verboten, einem Tier außer in Notfällen Leistungen abzuverlangen, denen es wegen seines Zustandes offensichtlich nicht gewachsen ist oder die offensichtlich seine Kräfte übersteigen.“ – gilt das eigentlich auch für diejenigen, die die Umsetzung dieses Gesetzes kontrollieren? Vielleicht befi nden wir uns in einer Notfallsituation zwischen Anspruch und Wirklichkeit? 

Sollten wir in die Situation eines Feldproviantkommissarius geraten? (Beamte, die Preußens Friedrich für unehrlich hielt): 

Der nämlich sagte es einfach: „Ich habe den Esel an die Krippe gebunden, warum hat er nicht gefressen?“ Soll heißen: Einfach Dienst nach Vorschrift tun, übergeordnete Führung nicht in Frage stellen und Salär genießen. 

Zum Glück gibt es auch Generationswechsel bedingt (wieder) mehr bzw. wiederbesetzte Landestierarzt-Stellen in drei Bundesländern (in Bayern als viertem Bundesland ist es natürlich ganz neu und sowieso Vieles anders), deren Inhaber durch ein hohes Maß an Flexibilität und Geschick zwischen Fachlichkeit und politischen Erfordernissen zu Gunsten besserer Arbeitsbedingungen vermitteln können oder könnten! 

Herzlichst 
Dr. Holger Vogel 
Präsident Bundesverband der beamteten Tierärzte e.V. ***
Vereinigung der Tierärztinnen und Tierärzte im öffentlichen Dienst