Liebe Leserinnen und Leser,

„Die Kürze des Lebens, die Stumpfheit der Sinne, die Starre der Gleichgültigkeit und nutzlose Beschäftigung gestattet uns bloß, wenig zu wissen …“ (Nikolaus Kopernikus (1473-1543), Domherr in Frauenburg/ Ermland in Preußen).

Langsames und verstehendes Lesen dieser Worte des deutschen Arztes und Astronomen lässt die seit der Entstehung dieses Zitates vergangenen Jahrhunderte schwinden!

Denkende Menschen können sich in diesen Aussagen wiederfinden, so auch wir.

Bei der Formulierung der „nutzlosen Beschäftigung“ stockt einem fast der Atem. Täglich haben wir damit zu tun! Da gehört das Ringen um die eigentlich als selbstverständlich angesehenen Arbeitsvoraussetzungen dazu; um eine zeitgemäße IT-Ausstattung, den Parkplatz für das dienstlich genutzte aber nicht anerkannten Privat-Kfz, um die sich zur Selbstbeschäftigung auswachsende Risikoanalyse und Dokumentation in Qualitätssicherungs-Systemen. Um die Berechnung von Kontrollfrequenzen, die in manchen Ämtern regelmäßig nicht schaffbar sind, die Beschäftigung mit Tiertransportanträgen, deren Bearbeitung sich als Puzzlespiel anmutet – ohne irgendeine Lenkung durch die außenvertretungsbefugten Behörden des Bundes und der EU.

Täglich bieten wir einen beträchtlichen Teil unserer amtstierärztlichen Tätigkeit auf, um der Aussage des Zitates zu begegnen: Es gilt, Zoonosen und lebensmittelbedingte Erkrankungen zur Lebensverlängerung zurückzudrängen, den Tierbestand gegen Tierseuchen zu schützen, abgestumpfte Hygienestandards aufzufrischen, der oft vorhandenen Gleichgültigkeit den Raum zu entziehen und Wissenstransfer zu Tierhaltern in Tierschutzfragen voran zu treiben.

Diese kurze Zusammenfassung unserer Tätigkeiten ist natürlich längst nicht abschließend – soll aber einen zuversichtlichen Blick vermitteln. Letzteres wünschen sich positiv eingestellte Leser des an dieser Stelle stets platzierten Editorials.

Konkrete Problemfelder bleiben aber leider noch immer unzureichend bestellt.

Mit Kopernikus könnte man das Wirken der politisch Verantwortlichen wie folgt beschreiben: „Das Auge hält sich nämlich überall für den Mittelpunkt der Sphäre alles ringsum
Sichtbaren.“

Anders kann man die legislativen Richtungsvorgaben bei der Kette von Regelungen wie beispielsweise die AVV Rüb, die Tierwohlkennzeichnung, die Ferkelbetäubungssachkundeverordnung, die fehlenden Rahmenbedingungen für die Beurteilung von TiertransportAnträgen und die Zusammensetzung der „Zukunftskommission Landwirtschaft“ kaum verstehen!

Nun hat uns die Afrikanische Schweinepest aus dem Lebuser Land heraus im Bundesgebiet erreicht. Um dies vorherzusehen musste man nicht in die Sterne schauen! Häufig geübte
Szenarien laufen nun in der Realität ab. Befürchtungen um Preisverfall, Handelsrestriktionen und damit einhergehende Tierschutzprobleme leider auch.

Inhaltlich wird sich die Amtstierärzteschaft auf die aktuelle Aufgabe ausrichten müssen. Personell ist dies nicht zusätzlich zu stemmen. Prioritätensetzung bedeutet aber immer auch die Zurückstellung anderer Aufgaben!

Um zuversichtlich zu bleiben: „Jedes Licht hat seinen Schatten und jeder Schatten hat einen folgenden Morgen.“ (Nikolaus Kopernikus)

Herzlichst
Dr. Holger Vogel
Präsident
Bundesverband der beamteten Tierärzte e. V.
Vereinigung der Tierärztinnen und Tierärzte im öffentlichen Dienst

Liebe Leserinnen und Leser, wird nach der Viruskrise die Rückkehr zum „Status quo ante“ wieder möglich sein?

Robert Merle (franz. Schriftsteller, 1908 – 2004) wirft in seiner in eine Viruspandemie eingebettete Romanhandlung „Die geschützten Männer“ die gleiche Frage auf! In dem 1974 erschienenem Buch geht es um ein Virus, das ausschließlich Männer befällt, um die Suche nach einem Impfstoff, um die Rivalität zwischen Patriachat und Matriarchat, die Rückkehr zur Demokratie nach dem Ausnahmezustand und interessante Gedankenspiele um Macht und Einfluss.

Heute stellen sich zudem die Fragen zum Urbanisierungsdrang, zu uneingeschränkten Individualreisen, zur Vielzahl von Dienstreisen, zur Globalisierung der Produktion und des Handels, zu der Kommerzialisierung der medizinischen Versorgung.

Als Tierärzten sagen uns natürlich Begriffe wie Erregerpassagierung und -übertragung in großen, auf engem Raum gehaltenen Menschenpopulationen (z.B. auf Kreuzfahrschiffen und in Großschlachtbetrieben), Gefährdungen durch das Verbringen von Individuen mit unbekanntem Seuchenstatus über große Entfernungen sowie unzureichende Diagnostik und Überwachungsmöglichkeiten etwas. Glücklicherweise ist es in der Menschenpopulation lange gut gegangen!

„Wo immer ein Tier in den Dienst des Menschen gezwungen wird, gehen die Leiden, die es erduldet, uns alle an.“ (Albert Schweitzer, 1875 - 1965)


Dies gilt in besonderem Maße für uns Tierärzte.

Die Kette der Unzulänglichkeiten im Umgang mit Tieren ist derzeit ziemlich lang. Wir, als Amtstierärzte, kennen sie alle. Wir sind oft kraftlos, machtlos und resigniert.

Unzulängliche Betäubungsgeräte im Einsatz auf den Schlachtstätten, unzulängliche Transporte den Märkten folgend, unzulängliche Haltungsbedingungen dem Preisdruck geschuldet, unzulängliche Tierschutzüberwachungen angesichts der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse, unzulänglicher Konsum von Lebensmitteln tierischen Ursprungs als verfehlte gesellschaftliche Entwicklung.

„Der Mensch beherrscht die Natur, bevor er gelernt hat, sich selbst zu beherrschen.“ (Albert Schweitzer)

Wie könnte man kürzer das Ausmaß des Konsums, der Umweltzerstörung, der Ressourcenverschwendung, des Mangels an ethischen Grundsätzen erklären.

Transparenz der rechtsstaatlichen Überwachung und Zugang zu deren Kontrollergebnissen für die Öffentlichkeit sind wichtig. Über Art und Weise kann man sicher Konsens finden.

Derzeit werden die Abfragen (z. B. nach VIG) durch berechtigte Bürger als weitere Einschränkung der ohnehin knappen Ressourcen gesehen und sind somit bei Behördenvertretern unbeliebt.

Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts verneinte letztinstanzlich den Auskunftsanspruch zu Tiertransporten der Animals Angels wegen fehlender Rechtsgrundlage, da weder Verbraucherinformationsgesetz noch Umweltinformationsrecht tierschutzrechtlich einschlägig sind. Als Amtstierärzte wollen wir uns auf die Bearbeitung und Abhilfe von Tierschutzfällen konzentrieren. Aber beides ist wichtig: Effizienz und Transparenz.

„Was ich am wenigsten studiert habe, ist die Politik; sie besteht aus Lug und Trug und passt nicht für meinen Charakter ...“ meinte Friedrich II. (1712 - 1786)

Wenn in diesem Satz ein Körnchen Wahrheit liegt, sollte man hinterfragen, warum man sich dennoch mit Politik beschäftigt. Mit dem Analysieren, wer etwas sagt und welchem Zweck es dienen könnte – denn genau das ist Politik. Jede Kräftegruppierung lotet das für sie Machbare aus: Egal, ob es nun individuelles Interesse, Lobbyarbeit, Profilsuche, Gewinnsucht oder Einflussnahme ist.
Oligarche Strukturen in der Distribution, Gewinnung und Verarbeitung von Lebensmitteln bestimmen die Marktpolitik und damit auch Einstellungen und Entwicklungen. Primärerzeuger werden bzw. sind abhängig vom Preisdiktat. Es folgt ein Wachsen oder Weichen. Lässt Marx doch noch grüßen?

Im Zuge der Listerienfunde im Wilke-Fall melden sich viele zu Wort. Medien- und Politikvertreter sowie Wirtschaftsmagnaten stellen Mängel in der Überwachung fest – wo doch deren eigene Aktivitäten zu hinterfragen sind. Forderungen werden postuliert. Neue Behördenstrukturen diskutiert. Ausgeblendet wird dabei die Kaltstellung der Überwachung.

Mit der Einführung der risikoorientierten Überwachung der Lebensmittel ist ein massiver Rückgang der Vorort-Kontrollen zu verzeichnen. Der Spiegel spricht von 225.000 Kontrollen pro Jahr in Deutschland seit 2007. Jedem muss doch klar sein: „Ohne Kontrollen kommt es zum Verfall der guten Sitten in der Lebensmittelhygiene“ (Eckehard Wolf, Amtstierarzt a.D., Neubrandenburg). Der Rückzug der staatlichen Exekutive betrifft auch die Laborkapazitäten. Die Überwachung der gesetzlich geforderten Eigenkontrollen bei biologischen, chemischen und physikalischen Gefährdungen erfordert eben auch eine ausreichende personelle und materielle Ausstattung der staatlichen Untersuchungsämter.

Hier ist Transparenz gefordert! Bisherige Strukturen - aber auch die neuen - leiden unter Arbeitsverdichtung und somit unter einem Erfolgsdruck, dem nicht jeder standhalten kann.

Liebe Leserinnen und Leser,

„Mit vollen Händen und leeren Herzen – es ist eine sich selbst zerstörende Welt geworden.“

So skizziert Juli Zeh in ihrem viel beachteten Roman „Leere Herzen“ (2019) eine postdemokratische Gesellschaft.

Heute wird immer von guten gesellschaftlichen Bedingungen gesprochen: reiches Land, Wohlstand, Frieden, work life balance. Das ist alles richtig. Aber warum wird es nicht so empfunden ? Brennt das Feuer für die Demokratie durch Selbstverständlichkeit bzw. Gleichgültigkeit in einer seichten Wohlfühlatmosphäre nieder?

Woher kommt die Endzeitstimmung in weiten Teilen der Gesellschaft; ist es die Deklassierung der Mittelschicht, und damit auch der Akademiker und Handwerksmeister ? Bestimmen Ängste um Statusverlust das Wahlverhalten – wie es Adorno beschrieb?

Die fortschreitende Urbanisierung verändert das bisherige Gleichgewicht zwischen Landund Stadtbevölkerung zu Gunsten der Städter. Verständnis für Erzeugung von Lebensmitteln geht verloren. Erfahrungswissen um Früchte, Fruchtfolgen, Tierrassen, Geburten, Schlachtung, Verarbeitung und Konservierung verlieren ihre Notwendigkeit und verschwinden langsam aus dem Gedächtnis. Leider auch die Achtung vor den Erzeugnissen und Erzeugern. Verklärte Vorstellungen und Preisdruck bestimmen das Verhalten.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

„Mit Worten lässt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten ...“ (J. W. v. Goethe)

Genau das war sinngemäß das Ziel des 38. Internationalen Veterinärkongresses in Bad Staffelstein.

700 Teilnehmer aus dem deutschen Sprachraum konnten sich anhand von 26 Fachreferaten aus Wissenschaft und Verwaltungspraxis informieren, diese hinterfragen und diskutieren.

Die Schwerpunkte aus Tierseuchenbekämpfung, Tierschutz und der Lebensmittelhygiene waren zum Teil mit Brisanz geladen. Hinterfragt werden musste, „auf Grund welcher Datenlage Langzeittiertransporte abgefertigt werden können?“. Als völlig inakzeptabel muss die unterschiedliche Handhabung der Abfertigung von eben diesen Tiertransporten in den deutschen Bundesländern durch die einzelnen Veterinärbehörden betrachtet werden. Insbesondere weil die Plausibilität der Routen immer noch unterschiedlich bewertet wird.

Liebe Leserinnen und Leser,

„Die verborgene Quelle des Humors ist nicht die Freude, sondern der Kummer“,

sagte einst Mark Twain (1835-1910).

Wie sonst - als mit Humor - sollte man den täglichen Herausforderungen begegnen? Humor, der uns hilft, mit dem problembeladenen Tagesgeschäft und den oft unauflösbaren Widersprüchen der gesellschaftlichen Forderungen umzugehen.

Diese Widersprüche sind wie die sinnbildlichen Mühlsteine, zwischen die man gerät, oder die Stühle, zwischen denen man sitzt. Leider wird oft die vermeintliche Unauflösbarkeit von Konflikten der Gesellschaft an den Unzulänglichkeiten der Frontsoldaten, der Polizei und auch an der Amtstierärzteschaft festgemacht.
Die Konfliktparteien können quasi gemeinsam Verantwortliche präsentieren. Diese Verantwortlichen werden als zum Schweigen verpflichtete Grundmatrix gesehen. Die nichts zu sagen hat, aber verantwortlich gemacht wird. Das Sagen beanspruchen NGO´s und die Wirtschaft. Die Politik agiert irgendwo dazwischen und lässt die Exekutive im Regen der Aggressionen stehen. Und die Mehrheit der Konsumenten schweigt oder ist empört, je nach Gefühlslage.

Dies ist aber zu einfach gedacht, die Widersprüche sind globaler und komplexer!

Das Problemfeld der Tiertransporte wird derzeit an der Attestierung des Amtstierarztes festgemacht. Schließlich hat derzeit die/der einzelne Amtstierärztin/Amtstierarzt mit ihrer/seiner Unterschrift über pro und contra zu entscheiden. Ein inzwischen uferloses und widersprüchliches Regelgeflecht von Bedingungen, ein schwieriges Transportdaten-Verarbeitungssystem und die bekannt gewordenen Bilder über den Umgang mit Nutztieren auf Transporten und Schlachthöfen in Drittländern sind zu einer unüberwindbaren Hürde auf dem Weg zu einer gesellschaftlich akzeptablen Entscheidung geworden.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

die in der Öffentlichkeit bekannt gewordenen Standortnamen von Schlachthöfen wie Fürstenfeldbruck, Tauberbischofsheim, Stendal, Bad Iburg und jüngst Osnabrück müssen uns als Vertreter des Berufsstandes der zuständigen Überwachungs- behörden betroffen stimmen. Bilder aus Deutschland! Nur die Spitze des Eisberges? Leider ja! Es gibt noch mehr Namen.

Woran liegt es, dass es trotz Tierschutztransportverordnung, trotz Tierschutz- schlachtverordnung, trotz Tierschutzgesetz und Aufnahme des Tierschutzes ins Grundgesetz solche dokumentierten Verstöße gibt? Warum müssen die Verstöße durch NGOs aufgedeckt werden?

Joomla templates by a4joomla